Fantasy-Reihe Dyluna, Band 1: Kapitel 1

Lissys Alltag



In Banchory, einer kleinen Stadt im Herzen Schottlands, schlug die Kirchturmuhr gerade sechs Mal, als Lissy aus dem Schlaf hochschreckte. Die polternden Tritte und der kräftige Schlag gegen ihre Zimmertür rissen sie unsanft aus ihren Träumen. „Los, steh auf und mach das Frühstück! Ich bin in Eile.“ Mit diesen Worten stieg ihr Stiefvater mürrisch wieder die Treppe hinunter und verschwand im Badezimmer. Ein lauter Fluch kurz darauf ließ vermuten, dass er sich beim Rasieren geschnitten hatte.

An Tagen wie diesem, an denen ihre Mutter zu schwach war, um aufzustehen, wurde Lissy von ihrem Stiefvater so früh geweckt, um die morgendlichen Pflichten im Haushalt zu übernehmen. Leider kam dies in letzter Zeit immer häufiger vor und ihr Stiefvater war dann besonders leicht reizbar. Lissy zog sich die klumpige Federdecke mit dem abgewetzten Bezug über den Kopf. Für eine kleine Weile schloss sie die Augen, als sie dachte: „Papa, warum kannst du nicht mehr bei uns sein? Ich will nicht, dass du tot bist!“ Tränen schossen ihr in die Augen. Sehnsüchtig versetzte sie sich zurück in jene Welt, aus der sie nach dem tragischen Autounfall ihres Vaters vor vier Jahren herausgerissen worden war: Aus einem Meer von Orangenbäumen erhebt sich das stattliche Landhaus. Das Dach des Haupthauses wird von einem kastenförmigen Ausbau überragt, der wie ein separates Häuschen aussieht. Bevor es damals ihr Reich wurde, hatte dieser großzügige Raum zur Überwachung der Plantage gedient. Die Glastür der Westfront und die Fenster der drei übrigen Wände ermöglichen einen grandiosen Rundumblick. Richtung Westen wird dieser von Mongibello beherrscht, wie die Leute in der Gegend liebevoll ihren Vulkan, den Ätna, nennen. Die dicken Mauern aus großporigem Lavastein bescheren während der Mittagshitze im Inneren des Hauses eine angenehme Kühle. Morgens und abends jedoch spielt sich das bunte Leben der angesehenen Familie auf der geräumigen Terrasse ab. Steinsäulen tragen das massive Dach, das sich schützend über die gepflegte Weite großflächiger Terrakottaplatten zieht. Hier steht auch der ihr so vertraute Schaukelstuhl. In seine ausgepolsterte Wölbung schmiegt sich die vornehme Gestalt ihrer Nonna. Der gütige Blick ihrer braunen Augen schweift verträumt über die sich bis zum Horizont ausdehnende Orangenbaumplantage. Der nachhaltige Eindruck des intensiven, süß-fruchtigen Duftes der schneeweißen Orangenblüten war Lissy noch so lebendig in Erinnerung, dass sie für einen Moment lang glaubte, ihn zu riechen. „Lissy!“ Scharf durchschnitt der Ruf ihres Namens die Luft. Mr. Fuller! Ja, so musste Lissy ihren Stiefvater ansprechen. Sie warf die schwere Decke zurück. Hastig schnellte die hochgewachsene, fast magere Gestalt des Mädchens von ihrem Bett hoch. Sie schlüpfte in die schweinchenrosa Filzpantoffel, die ihre Stiefschwester Molly nicht mehr tragen wollte, und band sich die mahagonifarbene Lockenmähne zusammen. Dabei fiel das Muttermal an ihrem Hals auf, das wie ein Drache aussah und die gehässigen Rädelsführer ihrer Klasse immer wieder dazu veranlasste, sie als Drachentusse zu verhöhnen. Oft wurde sie aber auch als Spaghettimampfe verschrien, da sie aus Sizilien und nicht von hier stammte. Lissy war ziemlich sicher, dass dies der eigentliche Grund für ihre Außenseiterrolle war. Die ständigen Sticheleien und die Ausgrenzung aus der allgemeinen Klassengemeinschaft bedrückten Lissy sehr. Oft dachte sie an ihre Freunde zuhause auf Sizilien. Nachdem sie sich angezogen hatte, schlüpfte Lissy aus der armseligen Dachkammer. Die spartanische Einrichtung, bestehend aus dem Bett, einem rechteckigen Holztisch mit einem wackligen Stuhl davor und einem kleinen Kleiderschrank mit verrostetem Schloss ohne Schlüssel, vermittelte den Eindruck von Trostlosigkeit. Einzig das Katzenkörbchen, Neros Plätzchen vor ihrem Bett, verlieh diesen tristen vier Wänden eine heimelige Note. Im Laufschritt spurtete Lissy die steile Holztreppe hinunter, bog um die Ecke und verschwand in der Küche. Nero, der fünfjährige Kater, folgte ihr flink. Er wusste genau, dass er jetzt sein Schälchen mit Futter serviert bekam. Während er sich hungrig über seine Mahlzeit hermachte, setzte Lissy Mr. Fullers Spezialkaffee auf: drei Teelöffel Espressopulver, zwei Teelöffel Malzkaffee. Sie verstand nicht, wie man ein solches Gebräu hinunterbekommen konnte. Bis das Kaffeewasser kochte, deckte sie den Tisch. Als der Wasserkessel zu pfeifen begann, betrat Mr. Fuller, geschniegelt in Anzug und Krawatte, mit der Zeitung unter dem Arm, schnaufend die Küche. Als kleiner Finanzbuchhalter saß er von Montag bis Freitag auf dem Amt und tippte endlose Zahlenreihen in seinen Computer. Er nahm sich in der Erfüllung dieser Aufgabe sehr wichtig. „Steh gefälligst gleich auf, wenn ich dich wecke!“, schnauzte er und holte kurzatmig Luft. „Ich wünsche, dass mein Frühstück fertig ist, wenn ich aus dem Badezimmer komme. Sollte ich noch einmal auf mein Frühstück warten müssen, setzt’s was!“ Er regte sich derart auf, dass sein rundlicher Kopf mit der bis zum Hinterkopf ausgedehnten Glatze rot anlief. Schließlich sank er ächzend auf den Stuhl, setzte die schwere Nickelbrille auf die Nase und schlug die Zeitung auf. „Sir John Macleans Leiche gefunden“, las er, vor sich hin murmelnd. „Der angesehene Großgrundbesitzer und renommierte Geschäftsmann wird bereits seit acht Tagen vermisst. Nun ist es traurige Gewissheit, er wurde auf bestialische Weise ermordet.“ Mr. Fuller las nun mit angespannter Miene leise weiter. Nach einer Weile meinte er: „Unglaublich …! Seine Leiche blutleer und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt – kein Gesicht mehr – wie abartig!“ Mr. Fuller verzog angewidert das Gesicht. Inzwischen war der Kaffee durchgelaufen. Als Lissy ihrem Stiefvater seinen Pott mit dem Spezialkaffee reichte, kam Molly gähnend in die Küche herein geschlappt. Sie war vierzehn, ein Jahr älter als Lissy, aber mindestens einen Kopf kleiner als sie. Diese Tatsache versuchte Molly durch Plateauschuhe etwas auszugleichen. Da sie jedoch ziemlich fett war, wirkte ihr Gang eh schon platschig! Dazu diese Schuhe und der kurze Rock mit dem zu eng sitzenden T-shirt – ein peinlicher Anblick. Molly gab ihrem Vater einen schmatzenden Kuss auf die Wange und setzte sich mit gewohnter Selbstverständlichkeit an den gedeckten Frühstückstisch. „Gestern habe ich mir ein obercooles Parfüm von CHANEL gekauft, das ist ganz neu auf den Markt gekommen“, prahlte sie. Als Lissy darauf nicht reagierte, provozierte sie weiter: „He, Aschenputtel, ich hoffe, du hast die Sandwiches für Daddy und mich geschmiert! Wir müssen bald los.“ Diese Pfeilspitze saß. Lissy spürte, wie ihr die Zornesröte in die Wangen stieg. Sie hätte dieser dicken Schwabbelziege ihr Sandwich am liebsten in das pickelige Gesicht gedrückt, anstatt es in die Vesperdose zu legen. Molly grinste selbstzufrieden und stopfte einen großen Bissen ihres Marmeladenbrotes in den Mund, um ihn dann genüsslich schlürfend mit Kakao hinunterzuspülen.

In diesem Moment schepperte es im Flur. Durch die halboffene Küchentür sah man gerade noch Neros Schwanzspitze durch das offene Flurfenster verschwinden. Ein intensiver, süßlicher Duft machte sich breit. „Mein neues Parfüm!“, kreischte Molly. „Ich bring dieses Katzenvieh um!“ Dabei sprang sie mit einer Behändigkeit vom Stuhl auf, die man ihr nicht zugetraut hätte, und machte ein Gesicht, als würde sie vor Wut gleich platzen.

Lissy erschrak über diese Reaktion von Molly. „Sie wird Nero doch hoffentlich nicht wirklich etwas antun?!“, ging es ihr durch den Kopf, „gemein genug wäre sie dazu!“ Im gleichen Moment durchzog Lissy aber auch ein Gefühl der Genugtuung, denn Molly ließ gewohnheitsgemäß überall ihr Zeug herumliegen, und Lissy wurde von Mr. Fuller dann oft gar noch angewiesen, deren Sachen aufzuräumen. „Wenn ich diesen schwarzen Satansbraten in die Finger kriege, ist es um ihn geschehen.“ Mr. Fuller schaute aufgebracht über den Rand seiner Zeitung und riss seine wulstigen Augen auf, die wegen der dicken Brillengläser sowieso schon glubschig wirkten. Dabei holte er so tief Luft, dass sich sein draller Bauch gegen die Tischplatte drückte. In Lissys Richtung gewandt stieß er hervor: „Sieh gefälligst zu, dass diese Schweinerei wegkommt! Du bist so unnütz wie dein verfluchter Kater.“ „Ihm ist wohl gar nicht klar, wie teuer ein solches Parfüm ist“, überlegte Lissy, „ansonsten müsste er sich doch fragen, woher Molly das viele Geld hatte, um sich so einen Luxus leisten zu können! Womöglich hat sie das Parfüm sogar geklaut? Jedenfalls ist es nun futsch!“ Wortlos stand Lissy auf, holte Besen und Kehrschaufel und fegte demonstrativ langsam und in sich hinein grinsend die Scherben zusammen. Lissys Gelassenheit und die eigene Misere, die sie durch ihre Schlampigkeit dazu auch noch selbst verschuldet hatte, schürten Mollys Hassgefühl gegenüber der Stiefschwester. Mit zusammengepressten Lippen und die Augen schlitzförmig verengt schaute sie zu Lissy hinüber. Danach verließ sie schnaubend die Küche und knallte die Tür hinter sich zu. Zum Glück musste Lissy heute erst später zur Schule gehen. So konnte sie sich noch ausreichend um ihre Mutter kümmern. Als sie mit einer Tasse Tee zum anderen Ende des Flurs eilte, verließen Mr. Fuller und Molly gerade das Haus. „Vergiss nicht, den Tisch abzuräumen und abzuspülen!“, kommandierte Molly bereits wieder in ihrer gewohnt herablassenden Art. Mr. Fuller bestärkte sie: „Ja, mach dich gefälligst nützlich, dafür dass ich dich und deine Mutter durchfüttere.“ Bevor die Tür ins Schloss fiel, bekam Lissy noch mit, wie Molly ihrem Vater mitteilte, dass in ihrer Klasse heute die letzten beiden Unterrichtsstunden ausfielen. Dann kehrte endlich etwas Ruhe in das kleine Häuschen ein, das Mama und Charlie Fuller nach ihrer Eheschließung vor dreieinhalb Jahren gekauft hatten. Das notwendige Kapital für den Kauf der Immobilie stammte jedoch von Papa, Alessandro Carossia. Er hatte all die Jahre hindurch konsequent etwas Geld auf die Seite gelegt. „Für alle Fälle“, wie er in seiner fürsorglichen Art zu sagen gepflegt hatte. Das Geld von Papa war nach dem Erwerb des Hauses jedoch aufgebraucht, sodass Mama und Lissy fortan von Mr. Fullers Einkommen abhängig waren. „Als Mr. Fuller und Mama frisch verheiratet waren, ist er noch kein solches Ekel gewesen wie heute“, ging es Lissy durch den Kopf. „Hat er sich damals womöglich verstellt?“ Kannte man allerdings Mr. Fullers Verwandtschaft, seine Eltern und seine beiden Brüder, die ebenfalls hier in der Gegend um Banchory lebten, dann wunderte man sich nicht mehr über seine Art und sein Aussehen. Nach ihrer Rückkehr nach Schottland hatte Rebecca Carossia, geborene Macmillan, zunächst alleine dagestanden. Von der eigenen Familie hatte sie nichts mehr zu erwarten gehabt. Mit ihr war es zum vollständigen Bruch gekommen, als sie sich nach deren Meinung in den falschen Mann verliebt hatte. Rebecca hatte den Sizilianer, wie ihre Verwandten und selbst ihre Schwester Papa abfällig nannten, erst seit drei Wochen gekannt, als sich die beiden für ein gemeinsames Leben miteinander entschlossen hatten und Mama kurzerhand mit ihm nach Sizilien gegangen war. Der Einladung zur Hochzeit vor vierzehn Jahren in Paternò war keiner ihrer sturen Verwandten gefolgt. Nach Alessandros Tod war Rebecca in ihre Heimat Schottland zurückgekehrt, wo sie in einer Selbsthilfegruppe für verwitwete Menschen Charly Fuller kennengelernt hatte. Sie war diesem Mann nach wie vor sehr dankbar dafür, dass er sich in dieser für sie äußerst schwierigen Zeit damals so aufopfernd um sie und ihre Angelegenheiten gekümmert hatte. Außerdem hatte er von Anfang an klar zu verstehen gegeben, dass er Lissy nach der Heirat adoptieren wolle. Dies hatte die neue Familie Fuller dann schließlich komplett gemacht.

Beim Öffnen der Schlafzimmertür schaute Mama mit müdem Blick in Lissys Richtung. Das lange, blonde Haar umrahmte ihr zartes Gesicht und die hohlen Wangen ließen ihre traurigen, braunen Augen noch größer erscheinen. Mama hatte geweint. Lissy setzte sich zu ihr auf die Bettkante und hielt ihre zerbrechliche Hand. Es schmerzte das Mädchen, ihre kranke Mutter, die gerade einmal siebenunddreißig Jahre alt war, so schwach und niedergeschlagen zu sehen. „Mein armer Liebling“, Mamas samtweiche Stimme klang dünn und leise. „Es tut mir so leid, dass ich dich nicht unterstützen kann, und dir sogar zur Last falle.“ „Aber Mama, das mache ich doch gerne.“ Lissy kuschelte sich an den abgemagerten Körper ihrer Mutter. Rebecca atmete schwer. Besorgt zog sich das Mädchen zurück, aus Angst, sie womöglich einzuengen. Da legte Mama in vertrauter Weise den Arm um ihre Schultern und zog sie liebevoll an sich. „Lissy, manchmal denke ich, meine Entscheidung, dich hierher mitzunehmen, war falsch. Vielleicht wäre es besser für dich, wenn du bei Nonna leben würdest.“ Ja, seit dem Tod ihres Vaters war ihre Nonna, neben Mama, der wichtigste Mensch in ihrem Leben, eine enge Vertraute. Sie hatte sich stets ihrer großen und kleinen Sorgen angenommen, geduldig zugehört und sie liebevoll getröstet, wenn sie traurig gewesen war. Sie vermisste sie sehr. Unwillkürlich liefen wieder all die krampfhaft verdrängten Bilder der schmerzenden Erinnerung vor Lissys geistigem Auge ab, so als ob dies alles erst gestern passiert wäre. Ihr sorgloses Leben hatte mit dem Autounfall vor vier Jahren, bei dem ihr Vater tödlich verunglückt war, ein jähes Ende gefunden. Blind vor Kummer und Trauer hatte Nonno ihrer Mutter, der Fahrerin des Unfallwagens, die Schuld am Verlust seines jüngsten Sohnes gegeben. Er hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass sie, die Ausländerin, für ihn nicht mehr zur Familie gehöre und deshalb gehen müsse. Lissy dagegen sollte bleiben. Großvater Vincenzo hätte es, ohne die Einwände von Nonna, vielleicht sogar auf einen Sorgerechtsstreit ankommen lassen. Sein letzter Versuch hatte darauf abgezielt, Rebecca zu drängen, freiwillig auf das Kind zu verzichten. Aber mit dem Mut der Verzweiflung hatte sich die junge Frau damals vor ihm aufgebaut: „Die Tochter von Alessandro und Rebecca Carossia geht mit ihrer Mutter!“ Lissy hatte sich gewundert, dass sich ihre sonst so sanfte Mama ihrem Schwiegervater derart entschieden in den Weg gestellt hatte, denn er war bekannt dafür, keine Widerworte zu dulden. Auch Lissy war in der Gegenwart dieses kräftigen, großen und leicht reizbaren Mannes oft verunsichert gewesen. Nonna hatte noch versucht, Großvater Vincenzo umzustimmen, leider ohne Erfolg. Der Kummer über den Verlust ihres geliebten Sohnes, und dann auch noch der Abschied von ihrer Enkelin und Schwiegertochter hatten ihr beinahe das Herz gebrochen.

Lissy wollte sich gar nicht vorstellen, was ihre Mutter während dieser schlimmen Zeit durchgemacht haben musste. Es gab für sie keinen Zweifel, dass diese Seelenqualen der Auslöser für Mamas Krebserkrankung gewesen waren. Sie hatten sie mit der Zeit innerlich zermürbt. Als Lissy mit ihrer Mutter damals die geliebte Heimat und die Geborgenheit der Familie verlassen hatte, war für sie eine Welt zusammengebrochen. Sie war sich heimatlos vorgekommen, wie Treibholz im wütenden Ozean. Ein kleiner Trost für sie war gewesen, dass sie Nero, den pechschwarzen kleinen Kater mit dem weißen Fleck auf der Stirn, hatte mitnehmen dürfen. Sie hatte ihn ein paar Monate vor dem Unfalltod ihres Vaters aus einem der Bewässerungskanäle gerettet, die sich wie schmale Flussläufe durch die Plantagen schlängelten. Die Art und Weise jedoch, wie sie Nero damals gefunden hatte, war irgendwie mysteriös. Sie hatte, zusammen mit ihrem besten Freund Marco Garofalo, einen Ausritt durch die Plantagen gemacht. Dabei war ihr vom Zweig eines Johannisbrotbaums, unter dem sie wohl etwas zu knapp hindurch geritten war, ihre Sonnenkappe heruntergestreift worden. Ein Windstoß hatte die Kappe zu einem der Bewässerungskanäle, an dem sie beide kurz zuvor vorbeigekommen waren, zurückgetrieben. Dort war sie schließlich liegengeblieben. Das Erstaunliche dabei war gewesen, dass in diesem Wasserkanal, in dessen Umgebung Lissy zuvor weit und breit kein Tier gesehen hatte, auf einmal dieses jämmerlich fiepende schwarze Kätzchen getrieben war. Hätte sie es nicht schleunigst herausgefischt, es wäre, wie schon so viele andere kleine Tiere, vom Wasser mitgerissen worden und ertrunken. Dieses Kätzchen hatte sie nach seiner Rettung aus großen Augen dankbar angesehen, und seit diesem Moment an waren Lissy und Nero unzertrennlich. „Mama, es war gut, dass du mich damals mit nach Schottland genommen hast. Dich auch noch zu verlieren, das hätte ich nicht verkraftet!“, unterbrach Lissy die Stille, die entstanden war, während sie ihren Gedanken nachhing. „Das ist schön, dass du so empfindest“, sagte Rebecca ergriffen. „Ich bin ebenfalls sehr froh darüber, dass du hier bei mir bist.“ Dankbarkeit schwang in ihrer Stimme mit. Zärtlich streichelte sie Lissys Hand. Plötzlich schaute Rebecca ihre Tochter beunruhigt an. „Lissy, wie spät ist es eigentlich? Musst du nicht langsam zur Schule geh’n?“ Lissy schaute auf die Uhr und erschrak. Ja, in der Zwischenzeit war es tatsächlich ziemlich spät geworden! Hastig stand sie auf. „Dann bis heute Nachmittag, Mama.“ Liebevoll umarmte Lissy ihre Mutter und küsste sie zum Abschied auf die Wange. „Tschüs, mein Schatz“, kam es leise vom Krankenbett. Lissy wollte gerade das Haus verlassen, als ihr einfiel, dass Molly heute ja vor ihr nach Hause kommen würde. Schnell hetzte sie noch einmal die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf und holte ein antikes Holzkästchen aus dem Versteck in dem wackligen Kleiderschrank heraus. Sie musste verhindern, dass der Inhalt des Kästchens Molly in die Hände fiel. Lissy hatte durchaus Grund, ihrer Stiefschwester zu misstrauen, denn diese war kürzlich einmal heimlich in ihr Zimmer gegangen. Zum Glück war sie dabei von Mama, die kurz darauf ebenfalls in Lissys Zimmer gekommen war, um ihr die Wäsche aufs Bett zu legen, gestört worden, bevor sie Lissys Schrank hätte durchwühlen können. Mit der Ausrede, sie würde unbedingt eine Füllerpatrone brauchen und habe lediglich nachgeschaut, ob in der Tischschublade hier welche lägen, hatte sich Molly wieder einmal geschickt herausgewunden. Der eindeutige Beweis für ihre Niederträchtigkeit war jedoch das gerissene Haar gewesen, das zuvor den kleinen Spalt zwischen Rahmen und geschlossener Flügeltür des Schrankes überspannt hatte. Da sich sonst niemand an Lissys Kleiderschrank zu schaffen gemacht haben konnte, blieb nur die Möglichkeit, dass Molly ihn geöffnet hatte.

Den Trick mit dem Haar hatte Lissy von ihrem Freund Marco gelernt. Marco war fünfzehn, zwei Jahre älter als Lissy, und von Anfang an wie ein großer Bruder für sie. Bei ihm war ein Geheimnis besser aufgehoben als im sichersten Tresor der Welt. Seinen Eltern gehörte die Plantage in direkter Nachbarschaft zu den Carossias. Die beiden Familien waren seit jeher befreundet. Marco hatte noch einen vier Jahre jüngeren Bruder. Doch die Geschwister besaßen weder gemeinsame Interessen, noch sahen sie einander ähnlich. Der sportliche Marco war ein aufgeweckter, unternehmungslustiger Junge, sein Bruder Filippo dagegen dicklich und träge.

Es war gut, dass Molly die kleine Holztruhe unten im Schrank nicht entdeckt hatte. In dieser bewahrte Lissy nämlich ihre Schätze auf: Einen seltsam anmutenden, in einem schwarzen Samtbeutel mit Zugband verwahrten, faustgroßen Lavastein, ein Poesiealbum, die Briefe von Marco, ein altes italienisches Comicheft, das ihr ihre Großmutter Francesca einst geschenkt hatte, und einige Glasmurmeln. Lissy nahm die ihr am meisten am Herzen liegenden Sachen aus der Truhe heraus: Den Samtbeutel mit dem Lavastein darin, ihr Poesiealbum und die Briefe. Das in weiches Leder gefasste Büchlein war bei ihrer Geburt angelegt worden. Alle ihr nahe stehenden Menschen hatten eine Lebensweisheit dort hineingeschrieben sowie ein Foto von sich eingeklebt. Eine Ausnahme dabei bildete die Eintragung einer sehr jungen Frau, die Lissy jedoch nicht kannte. Von ihr gab es keine Fotografie, dafür aber eine von Lissys Urgroßmutter Felicitas angefertigte Kohlezeichnung, die einer Schwarz-Weiß-Fotografie gleichkam. Eine weitere Besonderheit war, dass diese Frau keine Lebensweisheit, sondern eine Geschichte in Lissys Album hineingeschrieben hatte. Diese handelte von der Mondgöttin Dyluna, die, als sie klein war, aus ihrer vertrauten Himmelswelt gerissen wurde und danach lange Zeit auf der Erde zubringen musste. Lissy hatte das Gefühl, dass ihr diese geheimnisvolle Unbekannte mit dieser traurigen Geschichte etwas ganz Bestimmtes sagen wollte. Außerdem kamen ihr die großen, melancholischen Augen dieser feenhaften Schönheit irgendwie vertraut vor, sodass sie sich wünschte, sie hätte sie persönlich kennenlernen können. Einmal hatte sie ihre Tante Antonella nach dieser jungen Frau gefragt, aber Antonella hatte ihr merkwürdigerweise nur sehr ausweichend geantwortet. Es habe sich bei dieser Frau um eine Fremde gehandelt, die für einige Zeit bei Großmutter Felicitas und ihr in ihrer abgelegenen Hütte in der Gipfelregion des Ätna gelebt habe. Doch eines Tages sei sie ganz plötzlich verschwunden gewesen. Den mysteriösen Lavastein hatte ihr Tante Antonella anvertraut, als sie damals von ihr hatte Abschied nehmen müssen. Das Besondere an diesem Stein war eine glockenförmige Vertiefung, deren Rand aus nahezu regelmäßig geformten, zackenartigen Erhebungen bestand. Antonella hatte Lissy zur Seite genommen und ihr das antike Holzkästchen überreicht, in dem sich der schwarze Samtbeutel mit diesem besonderen Lavastein darin befand. „Hüte diesen Stein wie deinen Augapfel!“, hatte sie ihr mit vielsagendem Blick ans Herz gelegt. Als Lissy verblüfft nachgefragt hatte, was diese Worte denn bedeuteten, hatte Antonella lediglich den Zeigefinger an Lissys Mund gelegt und ihr mit der anderen Hand liebevoll eine Locke aus der Stirn gestrichen. Nach einer Weile hatte sie dann noch hinzugefügt: „Dieser Stein ist im Augenblick nirgendwo besser aufgehoben, als bei dir! Bring ihn erst einmal weg von hier, weit weg von Sizilien!“ Lissy durfte sich gar nicht vorstellen, was geschähe, wenn Molly diese für sie so unermesslich wertvollen Gegenstände in die Finger kriegen würde. Deshalb schob sie das Album und die Briefe vorsichtig in ihre Schultasche und vergrub den Samtbeutel mit dem Lavastein darin tief in ihrer Hosentasche. Danach verstaute sie die Truhe wieder im untersten Teil des Schrankes. Nun konnte sie beruhigt zur Schule gehen.




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