Den Trick mit dem Haar hatte Lissy von ihrem Freund Marco gelernt. Marco war fünfzehn, zwei Jahre älter als Lissy, und von Anfang an wie ein großer Bruder für sie. Bei ihm war ein Geheimnis besser aufgehoben als im sichersten Tresor der Welt. Seinen Eltern gehörte die Plantage in direkter Nachbarschaft zu den Carossias. Die beiden Familien waren seit jeher befreundet. Marco hatte noch einen vier Jahre jüngeren Bruder. Doch die Geschwister besaßen weder gemeinsame Interessen, noch sahen sie einander ähnlich. Der sportliche Marco war ein aufgeweckter, unternehmungslustiger Junge, sein Bruder Filippo dagegen dicklich und träge.
Es war gut, dass Molly die kleine Holztruhe unten im Schrank nicht entdeckt hatte. In dieser bewahrte Lissy nämlich ihre Schätze auf: Einen seltsam anmutenden, in einem schwarzen Samtbeutel mit Zugband verwahrten, faustgroßen Lavastein, ein Poesiealbum, die Briefe von Marco, ein altes italienisches Comicheft, das ihr ihre Großmutter Francesca einst geschenkt hatte, und einige Glasmurmeln. Lissy nahm die ihr am meisten am Herzen liegenden Sachen aus der Truhe heraus: Den Samtbeutel mit dem Lavastein darin, ihr Poesiealbum und die Briefe. Das in weiches Leder gefasste Büchlein war bei ihrer Geburt angelegt worden. Alle ihr nahe stehenden Menschen hatten eine Lebensweisheit dort hineingeschrieben sowie ein Foto von sich eingeklebt. Eine Ausnahme dabei bildete die Eintragung einer sehr jungen Frau, die Lissy jedoch nicht kannte. Von ihr gab es keine Fotografie, dafür aber eine von Lissys Urgroßmutter Felicitas angefertigte Kohlezeichnung, die einer Schwarz-Weiß-Fotografie gleichkam. Eine weitere Besonderheit war, dass diese Frau keine Lebensweisheit, sondern eine Geschichte in Lissys Album hineingeschrieben hatte. Diese handelte von der Mondgöttin Dyluna, die, als sie klein war, aus ihrer vertrauten Himmelswelt gerissen wurde und danach lange Zeit auf der Erde zubringen musste. Lissy hatte das Gefühl, dass ihr diese geheimnisvolle Unbekannte mit dieser traurigen Geschichte etwas ganz Bestimmtes sagen wollte. Außerdem kamen ihr die großen, melancholischen Augen dieser feenhaften Schönheit irgendwie vertraut vor, sodass sie sich wünschte, sie hätte sie persönlich kennenlernen können.
