Lissy wollte sich gar nicht vorstellen, was ihre Mutter während dieser schlimmen Zeit durchgemacht haben musste. Es gab für sie keinen Zweifel, dass diese Seelenqualen der Auslöser für Mamas Krebserkrankung gewesen waren. Sie hatten sie mit der Zeit innerlich zermürbt. Als Lissy mit ihrer Mutter damals die geliebte Heimat und die Geborgenheit der Familie verlassen hatte, war für sie eine Welt zusammengebrochen. Sie war sich heimatlos vorgekommen, wie Treibholz im wütenden Ozean. Ein kleiner Trost für sie war gewesen, dass sie Nero, den pechschwarzen kleinen Kater mit dem weißen Fleck auf der Stirn, hatte mitnehmen dürfen. Sie hatte ihn ein paar Monate vor dem Unfalltod ihres Vaters aus einem der Bewässerungskanäle gerettet, die sich wie schmale Flussläufe durch die Plantagen schlängelten. Die Art und Weise jedoch, wie sie Nero damals gefunden hatte, war irgendwie mysteriös. Sie hatte, zusammen mit ihrem besten Freund Marco Garofalo, einen Ausritt durch die Plantagen gemacht. Dabei war ihr vom Zweig eines Johannisbrotbaums, unter dem sie wohl etwas zu knapp hindurch geritten war, ihre Sonnenkappe heruntergestreift worden. Ein Windstoß hatte die Kappe zu einem der Bewässerungskanäle, an dem sie beide kurz zuvor vorbeigekommen waren, zurückgetrieben. Dort war sie schließlich liegengeblieben. Das Erstaunliche dabei war gewesen, dass in diesem Wasserkanal, in dessen Umgebung Lissy zuvor weit und breit kein Tier gesehen hatte, auf einmal dieses jämmerlich fiepende schwarze Kätzchen getrieben war. Hätte sie es nicht schleunigst herausgefischt, es wäre, wie schon so viele andere kleine Tiere, vom Wasser mitgerissen worden und ertrunken. Dieses Kätzchen hatte sie nach seiner Rettung aus großen Augen dankbar angesehen, und seit diesem Moment an waren Lissy und Nero unzertrennlich. „Mama, es war gut, dass du mich damals mit nach Schottland genommen hast. Dich auch noch zu verlieren, das hätte ich nicht verkraftet!“, unterbrach Lissy die Stille, die entstanden war, während sie ihren Gedanken nachhing. „Das ist schön, dass du so empfindest“, sagte Rebecca ergriffen. „Ich bin ebenfalls sehr froh darüber, dass du hier bei mir bist.“ Dankbarkeit schwang in ihrer Stimme mit. Zärtlich streichelte sie Lissys Hand. Plötzlich schaute Rebecca ihre Tochter beunruhigt an. „Lissy, wie spät ist es eigentlich? Musst du nicht langsam zur Schule geh’n?“
