Fantasy-Reihe Dyluna, Band 1: Kapitel 1

Beim Öffnen der Schlafzimmertür schaute Mama mit müdem Blick in Lissys Richtung. Das lange, blonde Haar umrahmte ihr zartes Gesicht und die hohlen Wangen ließen ihre traurigen, braunen Augen noch größer erscheinen. Mama hatte geweint. Lissy setzte sich zu ihr auf die Bettkante und hielt ihre zerbrechliche Hand. Es schmerzte das Mädchen, ihre kranke Mutter, die gerade einmal siebenunddreißig Jahre alt war, so schwach und niedergeschlagen zu sehen. „Mein armer Liebling“, Mamas samtweiche Stimme klang dünn und leise. „Es tut mir so leid, dass ich dich nicht unterstützen kann, und dir sogar zur Last falle.“ „Aber Mama, das mache ich doch gerne.“ Lissy kuschelte sich an den abgemagerten Körper ihrer Mutter. Rebecca atmete schwer. Besorgt zog sich das Mädchen zurück, aus Angst, sie womöglich einzuengen. Da legte Mama in vertrauter Weise den Arm um ihre Schultern und zog sie liebevoll an sich. „Lissy, manchmal denke ich, meine Entscheidung, dich hierher mitzunehmen, war falsch. Vielleicht wäre es besser für dich, wenn du bei Nonna leben würdest.“ Ja, seit dem Tod ihres Vaters war ihre Nonna, neben Mama, der wichtigste Mensch in ihrem Leben, eine enge Vertraute. Sie hatte sich stets ihrer großen und kleinen Sorgen angenommen, geduldig zugehört und sie liebevoll getröstet, wenn sie traurig gewesen war. Sie vermisste sie sehr. Unwillkürlich liefen wieder all die krampfhaft verdrängten Bilder der schmerzenden Erinnerung vor Lissys geistigem Auge ab, so als ob dies alles erst gestern passiert wäre. Ihr sorgloses Leben hatte mit dem Autounfall vor vier Jahren, bei dem ihr Vater tödlich verunglückt war, ein jähes Ende gefunden. Blind vor Kummer und Trauer hatte Nonno ihrer Mutter, der Fahrerin des Unfallwagens, die Schuld am Verlust seines jüngsten Sohnes gegeben. Er hatte ihr unmissverständlich klargemacht, dass sie, die Ausländerin, für ihn nicht mehr zur Familie gehöre und deshalb gehen müsse. Lissy dagegen sollte bleiben. Großvater Vincenzo hätte es, ohne die Einwände von Nonna, vielleicht sogar auf einen Sorgerechtsstreit ankommen lassen. Sein letzter Versuch hatte darauf abgezielt, Rebecca zu drängen, freiwillig auf das Kind zu verzichten. Aber mit dem Mut der Verzweiflung hatte sich die junge Frau damals vor ihm aufgebaut: „Die Tochter von Alessandro und Rebecca Carossia geht mit ihrer Mutter!“ Lissy hatte sich gewundert, dass sich ihre sonst so sanfte Mama ihrem Schwiegervater derart entschieden in den Weg gestellt hatte, denn er war bekannt dafür, keine Widerworte zu dulden. Auch Lissy war in der Gegenwart dieses kräftigen, großen und leicht reizbaren Mannes oft verunsichert gewesen. Nonna hatte noch versucht, Großvater Vincenzo umzustimmen, leider ohne Erfolg. Der Kummer über den Verlust ihres geliebten Sohnes, und dann auch noch der Abschied von ihrer Enkelin und Schwiegertochter hatten ihr beinahe das Herz gebrochen.